Freiraum · Projekt zu Landschaftsplanung
Aufbruch Naschmarkt
Landschaftsplanerische Auseinandersetzung mit dem temporären Marktgelände am unteren Naschmarkt, 1060 Wien. Fokus auf Entsiegelung und Begrünung. Wintersemester 2023/24, BOKU Wien, im Rahmen des Großgebiets „Wienfluss. Re-imagined.“
Aufgabe
Das Bearbeitungsgebiet ist eine rund 9.000 m² große offene Asphaltfläche über dem eingewölbten Wienfluss, zwischen linker und rechter Wienzeile. Genutzt wird sie heute als temporäre Markterweiterung – Bauernmarkt, samstags Flohmarkt – und als Parkplatz.
Die Aufgabe war keine Objektplanung, sondern eine landschaftsplanerische Untersuchung: Belegen, ob und wie der Ort von einer Entsiegelung profitieren würde, und daraus Planungsempfehlungen ableiten, die spätere Objektplaner*innen und ihre Auftraggeber*innen verwenden können.
Die Vorgabe, die alles andere bestimmt: Der Ort muss Marktstandort bleiben. Eine Entsiegelung, die den Flohmarkt unmöglich macht, wäre keine Empfehlung, sondern eine Verdrängung. Deshalb liegt die Begrünung an den Rändern und in Reihen, nicht in der Fläche.
Meine Rolle
Gruppenarbeit zu dritt mit Valentin Schnabl und Samantha Karger. Von mir stammt der Zonierungsplan im Anhang, der auf dieser Seite abgebildet ist; an Recherche, Interviews und Planungsempfehlungen war ich durchgehend beteiligt.
Zwei Darstellungen der Arbeit sind im Abbildungsverzeichnis ausdrücklich anderen zugeordnet – das Titelfoto (Samantha Karger) und die Bestandsaufnahme als Reinzeichnung (Valentin Schnabl). Sie sind hier deshalb nicht abgebildet.
Eckdaten
- Projektgebiet ca. 9.000 m²
- Interviews 26 Personen
- Erhebung 10.12.2023
- Bericht 34 Seiten
- Gruppe 3 Studierende
Bestand
Vier Befunde, die die Empfehlungen vorgeben
| Befund | Was daraus folgt |
|---|---|
| Vollflächig versiegelt Asphalt ohne Unterbrechung, dazu Betonschwellen statt Sitzgelegenheiten. |
Ohne Entsiegelung greift keine der anderen Maßnahmen – Beete, Bäume und Versickerung setzen sie voraus. |
| Hitzeinsel Infrarotaufnahmen der MA 22 zeigen für den Marktplatz Oberflächentemperaturen von fast 48 °C bei 34,4 °C Lufttemperatur. |
Die Kühlung muss über Verschattung und Verdunstung kommen, also über Bäume – nicht über Bodenbeläge allein. |
| Vegetation nur am Rand Nennenswerte Grünflächen fehlen; was da ist, liegt an den Rändern des Marktgebiets. |
Es gibt keinen Bestand, auf dem man aufbauen könnte. Jede Pflanzung ist eine Neuanlage. |
| Überplattung Das Gebiet liegt über dem kanalisierten Wienfluss und der U4; das verfügbare Bodensubstrat ist stellenweise stark verringert. |
Der Befund, der die Planung am stärksten einschränkt: Grundwasserneubildung ist ausgeschlossen, und ein Teil der Bäume kann nicht in den Boden. |
Erhebung
26 Interviews vor Ort
Am 10. Dezember 2023 hat die Gruppe neben dem Marktgelände 26 Personen befragt, mit einem selbst erstellten Fragebogen. Zwei Fragen waren für die Argumentation entscheidend – die nach dem Temperaturempfinden und die nach der Begrünung.
| Frage | Ergebnis |
|---|---|
| Ist der Naschmarkt ausreichend begrünt? | 2 von 26 sagen ja |
| Empfinden Sie es im Sommer hier wärmer als an begrünten Orten? | rund drei Viertel ja |
| Kämen Sie öfter, wenn der Ort begrünt wäre? | rund 70 % ja |
Das gefühlte Ergebnis deckt sich mit dem gemessenen: Die Infrarotaufnahmen der Stadt zeigen dieselbe Hitzeinsel, die die Befragten beschreiben.
Was diese Zahlen nicht sind
26 Personen, an einem Sonntag im Dezember, vor Ort angesprochen – das ist eine Gelegenheitsstichprobe, keine repräsentative Befragung. Wer im Winter am Naschmarkt unterwegs ist, ist nicht dieselbe Gruppe wie im Juli.
Die Zahlen taugen deshalb als Hinweis, nicht als Beleg. Getragen wird die Argumentation von der Literatur und den Messdaten der Stadt; die Befragung zeigt, dass die Wahrnehmung vor Ort damit zusammenpasst.
Von der Untersuchung zur Empfehlung
Wie aus vier Befunden ein Maßnahmenpaket wird
Die zentrale Einschränkung: der Boden fehlt
Über der U4 und dem eingewölbten Wienfluss ist das verfügbare Substrat an vielen Stellen zu gering für eine konventionelle Pflanzgrube. Damit steht und fällt das Begrünungskonzept – und deshalb ist es zweigeteilt:
Wo genug Substrat vorhanden ist, wird konventionell gepflanzt. Wo nicht, kommen Pflanzgefäße zum Einsatz, nach dem Vorbild der bewässerten Pflanztröge am Wiener Westbahnhof. Bäume in Gefäßen sind pflegebedürftiger – ihre Ökosystemleistung erbringen sie trotzdem.
Dieselbe Überplattung schließt die Grundwasserneubildung aus. Das Regenwassermanagement kann hier also nicht das übliche Ziel verfolgen; es beschränkt sich darauf, möglichst viel Wasser in den Pflanzgruben zu halten – über große Beete und ein Schwammstadt-Substrat.
Pflanzenauswahl
Laubbäume
- Feldahorn (Acer campestre) – die Art für die Pflanztröge
- Hainbuche (Carpinus betulus)
- Stiel-Eiche (Quercus robur)
Gräser
- Wiesen-Schwingel, Rohr-Pfeifengras, Deutsches Weidelgras
Stauden
- Lavendel, Purpur-Fetthenne, Prachtspiere
Blumen
- Ringelblume, Sonnenhut, Margerite
Dach und Fassade
- Sedum-Arten auf den Markthäuschen, Kletterpflanzen an ungenutzten Fassaden
Ausschließlich Laubbäume, weil sie die Umgebungsluft am stärksten kühlen. Kriterien der Auswahl: Stadtklimatauglichkeit, Kühlleistung, geringer Pflegeaufwand, Herkunft und – bei den Bäumen – Verträglichkeit mit begrenztem Wurzelraum.
Zonierung
Warum die Ruhezone im Süden liegt
Die Südseite liegt gegenüber der vielbefahrenen Rechten Wienzeile erhöht. Diese Kante schirmt bereits ab; Hochbeete und Bäume in Trögen direkt am Rand verstärken den Effekt. Zu den Marktständen hin grenzt Vegetation die Zone ab.
Die Ausstattung dort: komfortable Sitzgelegenheiten, teilweise unter schattenspendenden Bäumen, dazu Metalltafeln mit Informationen zu den heimischen Pflanzenarten. Der Rest – Beleuchtung, Blindenleitsystem, Bewässerung, Mistkübel – wird über die ganze Fläche geplant.
Wege werden bewusst keine angelegt. Die Betonpflasterung ist so ausgelegt, dass Fußgänger*innen, Rollstuhlfahrer*innen, Marktstände und Lieferfahrzeuge dieselbe Fläche nutzen. Alles andere hätte den Markt eingeschränkt.
Der Zielkonflikt, den der Plan aushalten muss
Jeder Quadratmeter Beet ist ein Quadratmeter weniger Flohmarkt. Die Standorte von Bäumen, Beeten und Sitzgelegenheiten sind deshalb so gesetzt, dass eine ruhige, abgeschirmte Fläche entsteht und gleichzeitig möglichst viel zusammenhängende Pflasterfläche erhalten bleibt. Der Zonierungsplan ist im Kern die Antwort auf genau diese Abwägung.
Reflexion
Der Reiz dieser Arbeit lag darin, dass der Ort fast alles ausschließt, was man bei einer Entsiegelung zuerst tun würde. Kein Bestand, kaum Boden, kein Grundwasseranschluss, und eine Nutzung, die man nicht verdrängen darf. Was übrig bleibt, ist nicht die große Geste, sondern eine Reihe von Maßnahmen, die genau in die Lücken passen, die der Markt lässt.
Der Zonierungsplan ist das Ergebnis dieser Abwägung, und er war der Teil der Arbeit, an dem sich zeigen musste, ob die Empfehlungen überhaupt zusammengehen. Auf dem Papier lässt sich vieles fordern; im Plan muss jede Empfehlung eine Fläche bekommen – und jede Fläche geht einer anderen Nutzung ab.
Was offen bleibt
- Kosten und Verfügbarkeit von Material, Pflanztrögen und Ausstattung waren nicht Teil der Arbeit. Ohne sie ist keine der Empfehlungen umsetzungsreif.
- Der Pflegeplan fehlt – gerade Bäume in Gefäßen brauchen einen, und ohne ihn steht die Kühlleistung auf dem Papier.
- Wie hoch das Substrat unter der Fläche wo genau ansteht, ist nicht erhoben. Die Zweiteilung in Pflanzgruben und Pflanztröge setzt genau diese Kenntnis voraus.
- Wer den Parkplatz heute nutzt und wohin diese Nutzung ginge, ist in der Arbeit nicht behandelt.
Quellen der Abbildungen und Zahlen
Der Zonierungsplan stammt aus dem Anhang der Projektarbeit. Die Oberflächentemperaturen stammen aus Infrarotaufnahmen der MA 22 (Dipl.-Ing. Jürgen Preiss), die Angaben zu Lage, Geschichte und Ausstattung aus dem Geodatenviewer der Stadt Wien und aus Czeike; die Kartengrundlage des Plans ist der Geodatenviewer der Stadt Wien. Die Interviewzahlen stammen aus der eigenen Erhebung vom 10.12.2023. Vollständiger Bericht und Quellenverzeichnis auf Anfrage.